Veröffentlicht: 28.10.2012 unter 20 Jahre SPD in Schönebeck

Helmut Rücker

Aufgewachsen bin ich in Sudenburg in einer eher kleinbürgerlichen Familie. Vater war der Alleinverdiener, da er der Ansicht war, der Familienvater verdient das Geld, und die Mutter kümmert sich um die Kinder und den Haushalt. Ich war der älteste und zugleich der einzige männliche von drei Geschwistern. Die weibliche Dominanz wurde noch verstärkt durch die Oma, die auch in unserem Haushalt wohnte. Ihr Mann war kurz nach Kriegsende von vermutlich  ehemaligen russischen Zwangsarbeitern auf dem Wege von Blankenburg nach Magdeburg erschossen worden, da er die Habseligkeiten, die er auf seinem Fahrrad mitführte  nicht freiwillig herausgeben wollte. Sicherlich hat auch diese Tatsache dazu beigetragen, dass ich kein wahrer Freund der Sowjetunion geworden bin. So hatte ich nie Interesse die Russische Sprache zu erlernen, was im Nachhinein betrachtet eigentlich Schade war.

Aus der Sicht meiner Eltern erfuhr ich viel über den Krieg und ihre politische Einstellung.

Als Jugendliche erhielten meine Eltern die Jugendweihe, die in Ihrer damaligen Form bald von den Nazis verboten wurde. Meine Großeltern waren bis zum Verbot der Parteien immer SPD Wähler gewesen und mein Großonkel war SPD Mitglied, dessen Parteiabzeichen ich immer stolz auf SPD Veranstaltungen trage. Sein Parteibuch bewahre ich auch immer noch auf. In meiner Familie gibt es zwar keine Widerstandskämpfer, aber ihr war das Naziregime stets verhasst.

1953 hatte mein Vater Glück, dass er gerade zu der Zeit als die russischen Panzer durch Magdeburg fuhren, mit krankem Magen im Krankenhaus lag. Er wäre bestimmt auch auf die Strasse gegangen….
Zu der Zeit war ich bei meinen Großeltern väterlicherseits in Görlitz. Auch dort fuhren die Panzer. Und ich glaube mich an den schrecklichen bedrohlichen Anblick der Panzer erinnern zu können.

Während meiner Schulzeit  wusste ich stets zu trennen zwischen dem was zu Hause gesagt wurde, und dem, was man in der Schule sagen durfte um sich und die Familie nicht zu gefährden. Obwohl mein Vater alles andere als ein Kommunist war, trat er der SED bei um seine Familie besser durchbringen zu können. Ich erinnere mich, dass es in der Schule eine Unterschriftenaktion gab, kein Westfernsehen zu sehen. Diese Unterschrift verweigerte ich, da ich mit ruhigen Gewissen sagen konnte, bei uns zu wird kein Westfernsehen gesehen, da wir keinen Fernseher hatten. So drückte ich mich erfolgreich um diese Unterschrift.

Etwas anders sah es aus, als ich Student war und unsere Studiengruppe durch eine Unterschriftenaktion der Ausbürgerung Biermanns zustimmen sollte. Nachdem ich mich weigerte zu unterschreiben, verdanke ich es eigentlich dem Seminargruppen FDJ-Chef, dass diese Sache ohne Folgen für mich blieb. Als die Mauer gebaut wurde, hatte ich geheult. Mir war klar, dass mir damit der Weg in den Westen versperrt war. Klassenkameraden waren schon in Westberlin gewesen und ich wollte unbedingt auch den goldenen Westen sehen. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass diese Mauer lange Bestand haben könnte.

Politisch wurde ich geprägt zuerst durch NDR und Deutschlandfunk, wobei mich die Bundestagsreden und dabei natürlich die der SPD Redner am stärksten beeinflussten. 1966 kauften sich dann meine Eltern einen Fernseher. Nun stand dem ausgiebigen Westfernsehen nichts mehr im Wege. Nach meinem Studium heiratete ich natürlich eine Frau, die wie ich westlich eingestellt war. Bald darauf wurde ich im Alter von 24 Jahren  zur Armee eingezogen. Die späte Einberufung war die Rache dafür, dass ich mich geweigert hatte, drei Jahre zur Armee zu gehen. Ich tat dann meinen Dienst als Tastfunker hatte aber mit dem Soldatsein nicht viel am Hut, so dass ich der einzige in meiner Gruppe war, der nicht vorzeitig zum Gefreiten befördert wurde. Bei der Entlassung war  ich es dann auch, der nicht Unteroffizier der Reserve wurde. Ich werde nie vergessen, wie ein Grenzer damit geprahlt hat, ein junges Mädchen beim Fluchtversuch erschossen zu haben. Bei mir bestand zwar keine Gefahr direkt an der Grenze eingesetzt zu werden. Ich hatte aber selbst für diesen Fall vorgesorgt und beim Schützenschnurschießen fleißig daneben geschossen obwohl ich mir beim Übungsschießen einen Tag Sonderurlaub geholt hatte. Mein nun schlechtes Schießen erklärte ich damit, dass ich bei nervlicher Anspannung nicht gut schießen kann.

Nach der Armee lebte ich weiter mein schizophrenes Leben. In der Familie und im Freundeskreis kannte man mich als pro westlich eingestellt als SPD Freund und als totaler Ablehner der DDR Regimes. Manchmal konnte ich auch mit meiner Meinung nicht hinter dem Berg halten und verwickelte Überzeugte in hitzige Diskussionen. Wobei ich natürlich nur mit Leuten diskutierte, bei denen ich einigermaßen sicher sein konnte, dass es keine Stasispitzel waren.

Nach meiner Armeezeit engagierte  ich mich im Reservistenkollektiv und in der freiwilligen Feuerwehr des Heizkesselwerkes. Dadurch entging ich der Kampfgruppe und einer Einberufung als Reservegefreiter. In die GST trat ich ebenfalls ein, um erstens günstib einen Führerschein zu bekommen, und um Reverenzen vorweisen zu können, um an einen begehrten Garagenbauplatz zu kommen. Ich bildete auch eine Zeitlang Berufsschüler im Tastfunken aus. Allerdings nicht zum Gefallen einiger Leute im Wehrkreiskommando.

Im Unterricht sagte ich, als mal die Frage aufkam, was ich vom Längerdienen halte, sagte ich, man soll nicht vorschnell entscheide, sondern sollte es erst dann tun, wenn man als normaler Soldat Gefallen an der Armee ha. Dann  kann man sich immer noch sich für länger verpflichten. Dummerweise saß der Sohn eines Wehrkreiskommandeurs in der Klasse, was ich nicht wusste. Bals wurde ich vom GST Chef zitiert und mir wurde der entsprechende Vorwurf gemacht. Ich stritt alles ab. Es gab auch keine weiteren Konsequenzen, außer der, dass ich ab sofort keine Berufsschüler im Rahmen der vormilitärischen Ausbildung  mehr ausbilden durfte. Da war ich aber traurig… Hinterher erfuhr ich von meiner Kollegin, deren Sohn in der Klasse war, dass die Klasse befragt wurde aber dass alle auf meiner Seite standen. Den Sohn vom WKK konnte keiner leiden und alle standen auf meiner Seite. Auch so was gab es in der DDR.

Als Gorbatschow mit Glasnost auf die Bühne trat, schöpfte ich Hoffnung. Mir war klar, dass wenn es eine Demokratisierung des Sozialismus geben würde, dies sein Ende wäre. Ermutigt durch die Entwicklung in der Sowjetunion wuchs auch der Widerstand in der Bevölkerung. Da ich viel auf Dienstreisen unterwegs war, merkte ich, dass die Menschen langsam ihre Angst vor der Stasi verloren und laut über die Misstände im Zug diskutierten. Der letzte 1.Mai in der DDR war eine einzige Frustdemonstration. Man unterhielt sich über alles Mögliche und Niemand beachtete die Leute auf  der Tribüne.

Gebannt verfolgte ich die Berichte über die Montagsdemos in Leipzig. Mein Betrieb verhängte montags Dienstreiseverbot.

Am 8. Oktober hielt mich dann nichts mehr und ich nahm an dem ersten großen Montagsgebet im Magdeburger Dom teil. Es war schon abenteuerlich, wie man auf   dem Weg zum Dom von „unauffälligen“ Stasispitzeln beäugt wurde. Ich wusste auch, dass mein technischer Leiter als „Kämpfer“ auf der anderen Seite stand. Er sagte mal zu mir, er hätte nicht gezögert gewaltsam gegen uns vorzugehen, wenn es einen Befehl dazu gegeben hätte. Zu Glück lief alles friedlich ab, auch durch die gute Vorbereitung durch Herrn Quast.

Es war ein überwältigendes Gefühl, inmitten so vieler Gleichgesinnter zu sein. Ich trug mich auch in eine Liste ein um ein Freilassen der in Berlin verhafteten Demonstranten zu erwirken.

Ab dem zweiten Mal nahm ich auch meinen Sohn mit und ab dem dritten Mal auch meine Frau und meine Tochter. Besonders beeindruckend war die erste Demo durch Magdeburg. Bald darauf begannen auch die Demos in Schönebeck. Als dann diejenigen, die sonst ängstlich hinter den Gardinen den Demos zusahen auch mitmarschierten, so Anfang 1990, ließ mein Interesse an den Demos nach. Im Januar war dann eine Veranstaltung der Neugegründeten SDP. Zusammen mit Werner Nickel ging ich dorthin, und wir füllten jeder einen Aufnahmeantrag aus.

Bei der ersten freien Wahl kandidierte ich als Stadtverordneter was dann auch wurde.

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